
Am 9. Mai, einem Mittwoch, traf ich in Berlin, wohin ich Zuflucht genommen hatte, zufällig den Menschen, den ich an diesem Tag am wenigsten zu begegnen wünschte: Meine Mutter.
Er war ein regnerischer Mittwochmorgen. In der Luft lag ein Hauch von Abgasen, Asbest und angebranntem Essen. In unserer 70m2 Hamburger Wohnung roch es nach Schimmel und Rauch und alte Bierflaschen gruben sich in die Flusen des Teppichbodens. Des öfteren wurden im Treppenhaus illegale Geschäfte betrieben, und wenn man in den Hof trat, bewunderten zwanzig Kapuzenjunkies die Gegend, sagten sie zumindest… Dörte, meine ältere Schwester, blickte nur stumm auf die menschenleere Reeperbahn, während unser Vater, Heinrich, mit Alkohol in der Hand und Nikotin im Mund aus der stinkenden Küche getorkelt kam. „Typisch Papa“, dachte ich, „schon so früh morgens rappeldicht.“ Er legte sich bloß noch stöhnend auf das mottenzerfressene Sofa aus den 70. ern bevor er mal wieder anfing zu nörgeln: „Das hält noch viele Jahre“, pflegte er zu sagen, „damals war ein Sofa purer Luxus, heutzutage ist eben alles Made in China. Und wieso das alles? Der Kapitalismus frisst und alle auf. Ihr werdet schon sehen! Ihr werdet schon sehen!” – Mein Papa, kleinkariertes Spießer-Arschloch.
Mein Vater würde Deutschland nie verlassen. Allerhöchstens um mal in Polen an billigere Fluppen zu bekommen. Das weiß er, und das brauch man ihm nicht zu sagen. Trifft man ihn an der Ader der Heimatliebe, ertönt ein stundenlanger patriotischer Vortrag ohne Punkt und Komma.
Doch nun zu meiner Mutter: Alles begann vor ungefähr einem Jahr, als Dörte und ich beschlossen Vater und Mutter mit einem Flugticket in die Karibik für 4 Personen zu überraschen. Heinrich, mein Vater, hatte schon immer Flugangst doch war bereit sie für Monika, meine Mutter, zu überwinden; denn Monika träumte schon immer davon, in die Karibik zu reisen. Der Urlaub war toll. Am Tag der Rückreise beschloss meine Mutter, noch einige Tage alleine in Querobasto, unserem recht klein aussehendem Feriendorf zu verbringen. Ergo flogen wir ohne sie nach Hause.
Nun sind über 400 Tage vergangen. Anfangs machten wir uns noch große Sorgen und meldeten Monika als vermisst. Doch nach einiger Zeit verflog die Panik, Vater wurde alkoholabhängig, meine Schwester depressiv und ich entwickelte einen furchtbaren Hass auf meine Mutter. Wieso wollte sie bleiben? Vielleicht lebt sie ja noch, und will sich nur nicht melden. Sie hat doch alle Nummern und Adressen im Kopf. Hat sie ne neue Familie gegründet? Hatte sie schon ‘ne neue Familie gehabt und wollte mit dieser zusammenziehen? Wieso meldet sie sich nicht? „Wieso?“, wisperte ich leise.
„Ich kann nich mehr. Diese ewige Melancholie und Raucherei. Wenn‘s das doch nur wär… Immer wird über Mama geredet. Mensch Heinrich, sag doch auch mal was!“ Er antwortete nur ruhig mit der Stimmtiefe Udo Lindenbergs „Ach, halt Dein‘ Fresse.“ Das war‘s, jetzt zieh ich aus, „Nen Scheiß‘ werd‘ ich halten!“, brüllte ich. Ich packte meine paar Sachen, gab meiner Schwester einen Kuss, blickte noch einmal zu meinem Vater und schlug die Tür so zu, dass der fingerlange Sprung darin die komplette Tür zerriss. Tschüss!
Ich fuhr nach Berlin, zu Onkel Willi. Willi hielt genauso wenig von Mutter wie ich, und hat schon immer Platz in seinem Haus in Grunewald gehabt. Sein teuer aussehender Old-Timer Porsche stand wie immer vor der Garage als ich vor dem Haus stand, und daneben stand eine kleine Klapperkiste. Sein Zweitwagen? Ein roter, rostiger Renault? Neben einer Grunewald-Villa? „Hat Willi geheiratet?“, dachte ich, „er hat doch nie etwas davon erzählt.“
Als ich klingelte, und die Tür geöffnet wurde, traf mich der Schock meines Lebens: Meine Mutter stand in der Tür. All der Hass, ich spürte es, all der Hass, er war weg. Ich brach in Tränen aus, sie auch. Wir umarmten uns und ließen uns auf dem Designersofa nieder. „Mama, wieso haste dich nich‘ gemeldet?“, fragte ich. Sie lachte und antwortete: „Was hättest du denn hören wollen? Oder Hein? Glaubst Du, er fände es gut, wenn ich ihm sage, dass Onkel Willi gar kein Verwandter, sondern ein Tourist ist, den ich vor vielen vielen Jahren in der Karibik getroffen habe? Dass ich nur wegen ihm von einem weiteren Urlaub träumte? Dass ich deinen Vater verlassen wollte?“
Ich kam mir selten dämlich vor und lachte.