
Ich lebte auf der Straw-Ranch, nähe Decota, einer kleinen Stadt im Westen. Dort hatte ich vor unzähligen Jahren mit Jack einen Hof errichtet. Für einen Duke oder einen anderen aus dem Adelsgesindel. Uns wurde der Auftrag erteilt, wir wurden bezahlt, konnten die Ranch jedoch nie übergeben. Das Greenhorn, M. Poscins war sein Name, wurde wahrscheinlich verjagt oder zog das pittoreske Leben der Stadt vor. Also beschlossen wir kurzerhand dort einzuziehen, und mit dem Geld einen Clan zu gründen. Wir schmissen das Baugeschäft nieder und anfangs machten wir uns nicht schlecht mit der Mexicol, unserem kleinen Investment.
Nebenbei hielt ich den „Daily Poet“, der einem Schriftsteller aus der Stadt gehörte, mit meinen Werken aufrecht. Er wurde von wenigen Leuten gelesen. Die, die lesen konnten, genossen die Prosa und diejenigen, die es nicht taten beschäftigten wir in der Mine. Es war eine blühende Zeit. Die Sonne sank, wir lagen uns hin. Der Morgen graute, wir gingen voller Elan ans Werk. Jack in die Mine zu den sieben Angestellten und ich in die Stadt, um das Gold wiegen zu lassen. Ich schrieb nur an den Abenden und meine Artikel besserten sich von mal zu mal. Manchmal versuchte ich Jack das Lesen beizubringen. Er sah den Sinn nicht. Wir lachten.
Die Jahre gingen ins Land und als unser Ruf und Erfolg hoch auf der Karriereleiter zu sein schienen, stürzte unser Gerüst langsam komplett ein.
Mit der Mine ging es bergab. Das Gold wurde weniger, die Angestellten auch. Nicht nur sie. Wir waren nun Mitte 40, die Frauen interessierten sich immer weniger für uns. Damals, als wir noch Geld hatten, war das anders. Die Welt ist eine andere als zuvor.
Unsere Wege trennten sich. Jack zog zurück in die Stadt, ich blieb auf dem Land. Nach der Insolvenz der Mexicol verkaufte ich den Hof, doch den Clan behielt ich. In ihm steckten zwanzig Jahre Leben.
Ich wurde älter und konnte meine grauen Haare nicht mehr verstehen. Ich war nun 52.
Mit dem bisschen, was uns übrig blieb, kaufte ich den „Daily Poet“. Ich war damals leidenschaftlicher Freizeitschriftsteller und erweckte so meine alten Gefallen wieder.
Ich besuch hin und wieder die Mine und entdeckte etwas Gold, ließ das aufwiegen. Es ist war viel. Und ich hatte mehr Ausgaben als Einnahmen. Ein armer, einsamer Cowboy schenkte mir vor vierzig Jahren eine Gitarre. Sie hatte Risse und Beulen und einen besonderen Klang. Ich hatte beschlossen, jeden Abend etwas zu spielen.
„I live out yonder where the snakes and scorpions run
got myself a little goldmine to bank on…“
Eines Tages ging ich mal wieder in die Stadt, um Gold zu Geld zu machen.
Ich war damals nie verliebt. Meine besten Jahre verbrachte ich unter der Erde anstatt den Nachwuchs zu fördern. Ich wusste nicht, ob es Liebe war. Elegant, in weiß gekleidet, verließ sie den Bücherladen, klappte ihren seidenen Sonnenschirm aus und spazierte über den Erdweg. Ich bin in den Laden hinein. Vieles war wie immer, obwohl ich seit fünf Jahren kein Geld keinen Bücherladen mehr betreten hatte. Colgins & Co hatte nichts umgeräumt. Links die paar Bestseller auf einem Teakholz-Tisch mit karierter Decke als Schutz, rechts in den Regalen, alphabetisch geordnet: die Romane und vorne die Theke. In der Mitte des schlichten Raumes stand ein Tisch. Mit Horoskopen. Davon hatte ich schon gehört. Es soll angeblich die Zukunft voraussagen. Obwohl ich nicht an Übersinnliches glaube, habe ich einen Blick riskiert. Ich würde neu leben und daraufhin sterben, stand dort. Ich verließ den Laden und ging mit der Dämmerung nach Hause.
„but one day my heart sank when I saw Madame in town
I knew her love would be the death of mine.
L’amour passait, l’amour obsolète.
Pourquoi perdre sa vie à chercher l’or d’un coeur?
Je ne me noierai pas dans ce désert mystique.
Je ferme mes comptes et je repars.“
Ich habe ihre Nachricht gelesen und versucht, zu verstehen. Der Bücherhändler verbrachte einige Jahre in Europa, davon vier in Frankreich und hat mir mit dem Übersetzen geholfen:
Liebe vergeht, Liebe veraltet.
Wieso ein Leben nach dem Gold eines Herzens schürfen?
Ich werde in dieser mystischen Wüste nicht ertrinken.
Ich schließe meine Konten und bin weg.
Sie war also schon länger in der Stadt und würde bald gehen. Ich ging am selben Abend noch zu Jack. Wir rätselten über die Bedeutung des Horoskops. Er dachte, die Mine wäre wieder schöpfbar und während des Schürfens, stürzte sie ein. Ich dachte dasselbe. Wir sind, trotz unseres Alters, wieder in unsere alte Mine. Das erste Mal seit zehn Jahren. Wir legten einen hohen Wert auf Sicherheit. Errichteten mehr Stelzen und Stützen, als notwenig und gruben sehr behutsam. „Jetzt bloß nicht auf die Wand schlagen“, brüllte Jack vom Eingang zu mir her. Ich glaubte, ich solle los, richtig auf die Wand schlagen. Tat es und das Gerüst über mir stürzte ein. Mir ihm fünf Meter Schacht und ein Haufen Schotter über mir. Nach einigen Minuten des Schreckens hörte ich Jack rufen. Am frühen Abend war ich befreit und wir betraten die Mine erneut. Dicke Staubschwaden waberten durch den engen Pass. Das schimmernde Licht der Öllampe verhalf uns jedoch zu einer recht klaren Sicht. Es wurde hell. Das Licht reflektierte von überall und als wir etwas genauer hinsahen, entdeckten wir eine neue Ader. Die Mine war wieder in Betrieb.
Am nächsten Tag machte ich mich auf die Suche nach dem Gold meines Herzens. Ich begann meine Recherche im Bücherladen und dort war sie auch. Sitzend auf einem der beiden Lektürestühle. Ich sprach sie an. Sie hatte einen starken französischen Akzent. Ich hatte vor Jahren mal eine französische Theateraufführung in Saloon gesehen. Sie floppte und die Truppe bekam ich nie wieder zu sehen. Wir redeten miteinander. Amélie. Ich erzählte ihr aus meinem Leben, beeindruckte sie mit Geschichten der Mine.
„Nun, da ich alt geworden bin, suche ich nach Nachfolgern. Besonders Leute, denen ich vertrauen kann. Ich gebe dir mein Gold. Du bist jünger. Nimm es, ich komme bald nach. Ich muss noch etwas bei Jack bleiben. Er wird mich umbringen, wenn er erfährt, dass ich wegziehe. Ich werde bildlich sterben, um ein neues Leben zu beginnen. Das war es, was ich im Horoskop gelesen habe!“
„Do me a favor while I’m hanging here
Take this gold and go and hide
Ne gigote pas chéri sur ta corde pendue
Don’t worry I’ll be free in no time.“
Ich kam nach. Zwei Monate später war ich in Frankreich angekommen. Sie holte mich am Hafen ab. Wo es war, habe ich vergessen. Sie zeigte mir die Stadt, die Wohnung, die sie mit dem Geld gekauft hat und stellte mich ihrem Ehemann vor. Ihm und ihren zwei Söhnen. Sie gab mir einen Kuss, ich nahm mir mein Herz und rannte davon.
„She promised me she would be there when I’d return
she didn’t say she’d have a whole army there as well
she whispered, “J’taime Baby,” as she fired that gun at me.
It’s getting late and I’m running out of time“
Bei meiner Wiederkehr holte mich niemand ab. Trotz Dutzenden Telegrammen nach Decota an Jack. Mein Weg war lang und die Zeit, die ich für den Heimweg benötigte, war die Ewigkeit.
„I should’ve stayed way out yonder better off with the scorpions and snakes
Every act which has no heart will be found out in the end
I’m a little late this time, cause her love
would be the death of mine, mine, all mine“
23 August 1861
Musik von Calexico