Dörfer, die nicht Berlin sind.
Heute ein Artikel mit “ich”
Musik.
Mal wieder Musik.
Oh, ich hätte mit „Ich“ beginnen sollen, richtig?
Noch einmal, von vorne, neu:
Ich.. äh.. hm, sollte wohl erst nen Punkt finden, mit dem ich beginnen sollte..
Ich habe mir vor knapp einer Stunde was feines aus iTunes gegönnt. Jaja, vorbildlich etc, kaufe ich meine Musik, wieso genau kann ich nicht sagen. Vielleicht aus Respekt vor den Künstlern, deren Werken? Nun, die Produktion ist ja auch nicht ganz billig. Studio mieten, Instrumente auch, Tontechniker fallen nicht vom Himmel, das Mixen ist aufwändig… bis am Ende ne gepresste CD mit Cover, Booklet, Box und Preisschild im Ladenregal unter einer großen Eins steht, vergehen viele Monate. Die Kreativität der Musiker sollte mal nicht unterschätzt werden. Texte schreiben, Melodie, Instrumente wählen, später Bühnenablauf planen, Bus mieten, Fahrer, Playstation, genug Roadies, persönliche Verstärker, Lichtanlage und Lichtspiele, Konzertticketdruck, T-Shirts, T-Shirtverkäuferrinnen, Raumwahl, Bühnenausstattung, Deko und die Gestaltung des Ganzen. Grafische Umsetzung der Karten, Poster, Shirts, Becher, Bierdeckel, Schuheinlagen, …
Ja, ich kaufe meine Musik.
Wieso iTunes, wieso nicht MediaMarkt?
Zum ersten habe ich hier nicht im geringsten die Möglichkeit, einen MediaMarkt zu besuchen, der nächste liegt wohl.. tja.. weit weg würde ich mal schätzen. Auf dem Land gibt es keine Plattenläden, so ist das nun mal. Es gibt hier bloß nen Bäcker, der morgens um neun öffnet um sich um 12 zur Mittagspause zu verabschieden. Von 15 bis 17 Uhr geht die Nachmittagsschicht. Manchmal frage ich mich, ob sich dafür überhaupt der Aufwand, die schweren roten Ladenfensterläden hinaufzuziehen und sie später wieder behutsam runterkrachen zu lassen.
Aber ich will ja nicht meckern, nein, es ist schön hier. Wenn man davon absieht, dass die Umweltverschmutzung hier extrem hoch liegt. So hoch, dass ich schon nen Ausschlag auf der rechten Schulter hatte. Lauter rote Flecken, Juckreiz, Frieseln, Schimmelpilz fehlte noch, und ich hätte nen Zoo eröffnen können. Ein(space)tritt: Fünf Mark. Aber abgesehen vom Co2-Gehalt, der Arroganz der Leute und der Faulheit des Südens ist es eigentlich ganz nett hier. Nunja, da wären noch die Feuer. Die Brände der Leute, die ihren Müll auf etwas andere Weise entsorgen und sich dann über Waldbrände wundern. Das sind dann die Leute, die später bei jedem Geruch, der von ihren Kleingeistmöbelduft abweicht, lauthals beim Täter beschweren. Die Feuer. Es wird nur gebrannt, wenn es regnet oder geregnet hat. Klar. Nur hat der Süden eben diese dummer Macke, selten Regen mit sich zu bringen. Also brennen die Leute einfach, wenn sie es für richtig halten. Also Montags bis Sonntags von neun bis neunzehn Uhr.
Neun ist hier wohl eine magische Zahl. Um neun steht Südfrankreich auf. Aber nur, wenn sie arbeiten müssen (Feuermachen ist Arbeit)
Hugh! Um neun geht die Schule erst richtig los. Die erste Stunde ist entweder Deutsch oder Geschichte. Für Engländer beides irgendwie irrelevant und identisch. In beiden Fächern geht es um Deutschland, in beiden Fächern wird viel geredet und wenig geschrieben, in beiden Fächern geht es um Fälle, in beiden Fächern hört niemand zu. Mich interessiert Geschichte, wohl auch einige andere. Den größten Teil jedoch irgendwie nicht. Tja. Mich interessiert Sprache, wohl auch einige andere, etc. Unterricht vor Neun Uhr ist wie nachts um halb drei mitten im Winter nackt den Mehringdamm hoch und runter zu laufen: Man kann es machen, kann es aber auch lassen.
Wie gesagt, es ist schön hier. Ach, da wären noch die großen Werbeschilder entlang der Straße. Klar, gibt es überall. Und der Verkehr, aber man kann doch nicht über viel Verkehr meckern, wenn man an der einzigen Route Nationale zwischen Aix-En-Provence und Marseille lebt, oder? Zählt also nicht. Und ebenso wenig zählte ich den Fakt, dass die beiden Häuser, in denen übrigens insgesamt neun Familien leben, zwischen eben der Nationalstraße (Bundesstraße drüben) und der Autobahn nach Marseille, Nizza und Meer ruhen. Na ja, Der Verkehr ist ja nur Tagsüber so laut. Dann lässt man halt mal das Fenster zu. Toll wenn es warm ist, aber da kann man sich nun echt nicht beschweren. Entweder oder. Und mir ist lieber warm, als von Abgasen und Lärm in meiner Arbeit belästigt zu werden. Ach, ich hab von meinem Zimmer aus übrigens Autobahnblick, wenn ich mich weit genug rausbeuge. Irgendwo zwischen fast-rausfallen und gerade-noch-am-Geländer-festhalten liegt dieser Winkel.
Aber es ist warm. Es ist warm, das Meer ist nicht weit, die Leute sind nett, die Leute sind nicht so angespannt wie die Stadtmenschen. Und generell geht hier alles etwas ruhiger zu. Vor fünf Monaten zogen wir hierher. Seit einer Woche hab ich fließend Internet. Fünf Monate lebten mir ohne die Gewissheit, zu wissen ob das Telefon nun geht oder nicht, ob wir jetzt Fernsehen könnten, oder nicht oder ob wir nicht schon wieder Handstände machen müssten um dem Großgeist des Südens etwas zu trotzen. Der Eitelkeit, der übertriebenen Ruhe. Ich bin geduldig, ich kann stundenlang warten, aber das hier, so etwas wie hier, wie einen solchen Geist, so etwas hab ich noch nie erlebt.
Ich kam vor gut 10 Tagen von Straßburg, meinem alten Wohlort, zurück. Ich hatte Ferien, besuchte Freunde, vermisse nun die Stadt, die ich so oft verflucht habe. Wegen des Kleingeists, wegen der Langeweile, wegen der Eitelkeit der Leute.. Und jetzt? Ich traf „zuhause“ ein, war müde&erschöpft, wollte nicht mehr als ein heißes Bad mit Lavendel und Schaum und rotem Entspannungspufflicht. Tja. Kein Gas. Kein Gas, kein Warmwasser. Ach, kein Telefon, also kein Internet, klar, wie immer, aber auch kein Fernsehen. Keiner der Nachbarn wusste um Rat. Letzten Donnerstag kam der Gasmann, der Internetmann, Telefonmann und Postmann mit Rechnungen. Für die Nutzung der Telefonlinie. Haha. Seit einer Woche klappt hier alles. Gut, den Router muss man jeden morgen neu anwerfen, wir empfangen kein deutschen Fernsehen, aber sooo anspruchsvoll bin ich jetzt auch nicht. Zudem seh ich eh nie fern.
Irgendwo in mir drin war ich mal gebürtiger Kreuzberger. Berliner aus Leidenschaft und auch offiziell, mit Stempel. Und jetzt lebe ich in einem Dorf, von der Hauptverkehrsstraße durchquert, einer Baustelle für ein Kaufhaus vor meiner Tür, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ohne Ampeln, mit einem „Laden“. Eigentlich ist es ja eine Stadt, nur da ich im Unterdorf Unterstädtchen lebe, habe ich keinerlei Möglichkeit den Berg-Bel-Air zu erklimmen. Man kann auch laufen. Hab ich mal. Nach 30 Minuten war ich oben. Nach einer halben Stunde des Bergausgehens stand ich vor einem geschlossenen Supermarkt. Montags bis Freitags von neun bis zwölf, dann von drei bis sechs. Dienstags aber grundsätzlich zu. Der Bäcker auch. Wieder runter.
Auf meinem Weg runter sah ich in einer Abzweigung einer Straße ein Schild, dachte wohl, aus Hunger, Verzweiflung, Hoffnung, Verwirrung, Hin-und-Hergerissenheit, Fernsicht, ich sehe ein „Paul“-Schild (Lecker Bäcker).
Als ich dann nach weiteren 10 Minuten, gefühlten zwei Wochen, am sichtlich vergilbten Schild ankam, war bloß die Leuchtschrift „École de conduite“ im Schimmer der Julisonne zu erkennen.
Morgen stehe ich um neun auf und wandere Dienstag nach Berlin aus.
Jetzt höre ich meine zwei neuen the Faint-Alben, die ich mir vor zwei Stunden bei iTunes geschenkt habe.
Wahnsinn. Also für nen ersten Hörgang. Vielleicht kommt irgendwann mal auch wieder ein Artikel über Musik. Montag. Montag mal wieder.
Morgen ist Schule.
#schlafen